Das Projekt “Sozialraum Bahnhof” beim Katholikentag

Das neue Projekt Sozialraum Bahnhof war beim Katholikentag in Würzburg mit zwei Veranstaltungen vertreten: Mit einem Interview bei der Podiumsdiskussion „Wem gehört der öffentliche Raum?“ und mit einem Rundgang im Sozialraum Bahnhof.

Das Projekt Sozialraum Bahnhof verfolgt das Ziel, Begegnung und gegenseitiges Verständnis zu fördern, die Akteure rund um den Bahnhof enger zu vernetzen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt zu stärken. Das Projekt wird von der Stiftung Mercator finanziert und vom Deutschen Caritasverband umgesetzt. Würzburg ist einer von 15 Standorten in Deutschland, enger Kooperationspartner ist die Bahnhofsmission Würzburg.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Bei der Podiumsdiskussion „Wem gehört der öffentliche Raum? Wie Innenstädte den Zusammenhalt stärken“ diskutierten Oberbürgermeister Martin Heilig, Dr. Friedrich von Schönfeld vom Deutschen Caritasverband (Vorstand für Finanzen und Recht), Christiane von Websky von der Stiftung Mercator sowie der Polizeibeauftragte des Bundes, Uli Grötsch, über öffentliche Räume, das Sicherheitsempfinden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dabei wurde deutlich, dass zwischen der objektiv guten Sicherheitslage und dem subjektiven Sicherheitsgefühl vieler Menschen eine große Diskrepanz besteht. Oberbürgermeister Heilig verwies auf die niedrigste Kriminalitätsrate seit rund 30 Jahren in der Region. Auch Uli Grötsch betonte die insgesamt gute Sicherheitslage in Deutschland. Gleichzeitig nehme jedoch das persönliche Unsicherheitsgefühl vieler Menschen zu. Als Ursache wurden unter anderem mediale Dynamiken und digitale Algorithmen benannt, die häufig negative und beängstigende Nachrichten verstärken und dadurch das Sicherheitsgefühl beeinflussen.

Dr. Friedrich von Schönfeld machte auf die negativen Auswirkungen von Kürzungen im sozialen Bereich aufmerksam und kritisierte , dass Einsparungen aktuell in besonderem Maße vulnerable Menschen treffen. Kritisch äußerte er sich auch zu Maßnahmen wie Alkoholverboten an bestimmten Plätzen, die marginalisierte Gruppen aus öffentlichen Räumen verdrängen, aber Probleme nicht lösen.

Einigkeit bestand darüber, dass öffentliche Räume zugänglich und einladend gestaltet werden müssen. Christiane von Websky hob hervor, wie wichtig sektorenübergreifende Zusammenarbeit und unterschiedliche Perspektiven für tragfähige Lösungen sind.

An dieser Stelle konnte im Rahmen eines Interviews ein kleiner Einblick in die Themen am Würzburger Projekt-Standort gegeben werden. Zielgruppenübergreifend zeigt sich, dass die Aufenthaltsqualität am Würzburger Bahnhof in verschiedenen Bereichen verbessert werden könnte. Zum Beispiel mit mehr Sitzgelegenheiten, kostenfreien Toiletten, Trinkwasserbrunnen, mehr Barrierefreiheit sowie WLAN und Lademöglichkeiten für Handys. Gleichzeitig sind positive Entwicklungen erkennbar: So ist eine Neugestaltung des Busbahnhofs geplant und es finden aktuell fachübergreifende Austauschrunden zum Bahnhof statt.

Bahnhofsgeschichten vom Ankommen, Bleiben und Weitergehen

Aufbauend auf dem youngcaritas-Rundgang „Würzburg offside“, bei dem das Thema Wohnungslosigkeit im Fokus steht, wurde ein neuer Stadtrundgang über den Sozialraum Bahnhof entwickelt. Der Titel lautet: „Bahnhofsgeschichten vom Ankommen, Bleiben und Weitergehen“. Die Premiere dieses neuen Rundgangs fand am Katholikentag statt. Insgesamt 27 Teilnehmende aus ganz Deutschland waren mit dabei.

Schon der musikalische Auftakt machte deutlich, worum es an diesem Nachmittag ging. Mit den Liedzeilen „Hilf mir zu wagen hinzugeh´n, / spring mit mir über Mauern“ der Musikerin Stefanie Schwab wurde der thematische Rahmen gesetzt: Den Mut finden hinzuschauen, statt Armut und Wohnungslosigkeit auszublenden. Der Rundgang soll dazu beitragen, mehr Wissen und Verständnis zu vermitteln und bestenfalls positive Veränderungen anzustoßen.

Die erste Station führte in den Caritasladen und veranschaulichte, wie soziale Angebote im Umfeld des Bahnhofs ineinandergreifen. So stellt unter anderem die Bahnhofsmission die Caritasladencard aus. Mit dieser erhalten Menschen mit geringem Einkommen Zugang zu gut erhaltener Secondhand-Kleidung im Caritasladen.

Weiter ging es zu den Einrichtungen der Christophorus Gesellschaft in der Wallgasse 3 in direkter Nähe zum Würzburger Bahnhof. Die Mitarbeiterin Sabine Märkle des Housing-First-Projekt NOAH erklärte den Teilnehmenden, warum sich viele von Armut und Wohnungslosigkeit betroffene Menschen am Bahnhof aufhalten: Der Bahnhof sei für viele eine Art „Wohnzimmer“ und Treffpunkt zugleich – ein zentraler Ort, an dem man nicht alleine sei und wo wichtige Informationen untereinander weitergegeben würden. Hinzu komme, dass viele soziale Einrichtungen gut erreichbar in Bahnhofsnähe liegen.

Am Bahnhof angekommen, führte der Weg zum DenkOrt Deportationen. Dort wurde auch daran erinnert, dass wohnungslose Menschen von den Nationalsozialisten als sogenannte „Asoziale“ verfolgt und ermordet wurden. Johanna Anken von der Bahnhofsmission beschrieb den Bahnhof als einen Ort, an dem gesellschaftliche Entwicklungen besonders schnell sichtbar werden: Kriege und damit verbundene Fluchtbewegungen ebenso wie die zunehmende Zahl psychischer Erkrankungen. Viele Menschen fielen durch das soziale Netz. Die Bahnhofsmission werde deshalb immer mehr „zum sozialen Netz unter dem sozialen Netz“.

Im Bahnhofsgebäude wurde zudem ein konkretes Alltagsproblem deutlich, auf das schon in der Podiumsdiskussion hingewiesen wurde: Die Nutzung der Sanifair-Toiletten ist kostenpflichtig und die Toiletten sind nachts geschlossen. Um Lösungen zu finden, gibt es aktuell fachbereichsübergreifende Austauschrunden. Ziel ist es, durch die Einbeziehung aller relevanten Akteur*innen und Perspektiven gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Denn darum geht es beim Projekt Sozialraum Bahnhof, wie Anna-Maria Pedron vom Deutschen Caritasverband und Violaine Dobel von der Stiftung Mercator erklärten: „Fachübergreifende Vernetzung stärken und neue Allianzen schmieden, um konkrete Probleme vor Ort zu lösen.“

Den Abschluss bildete das Lied „Ein Fischlein auf glitzerndem Grün“, in dem Stefanie Schwab von einer prägenden Begegnung mit einem obdachlosen Mann erzählte – ein Erlebnis, das sie dazu bewegte, sich ehrenamtlich in der Bahnhofsmission zu engagieren.

Esther Schießer | Projekt Sozialraum Bahnhof

 

V.l.n.r. Anna-Maria Pedron, Stefan Weber, Friedrich von Schönfeld, Esther Schießer, Mirjam Gawenda, Paulina Hauser
Liedermacherin Stefanie Schwab im Caritasladen
Rundgang am Bahnhof
Johanna Anken (Bahnhofsmission) beim Bahnhofs-Rundgang
Spendenaktion von Stefanie Schwab